Ökologische Schutzstation Steinhuder Meer

Europäischer Nerz

Neue Chance am Steinhuder Meer

Der heimische Europäische Nerz (Mustela lutreola) ist weltweit vom Aussterben bedroht.

Jagd, Wasserverschmutzung und vor allem die Lebensraumzerstörung bedrohte die charismatische Art, die in Deutschland zuletzt bei Fallersleben nachgewiesen wurde.

Heute gibt es nur noch vereinzelte Reliktvorkommen in den Pyrenäen (Spanien, Frankreich), dem Dounaudelta, Russland und Weißrussland und auch dort sind die letzten Individuen bedroht. Um dem Europäischen Nerz ein Überleben zu ermöglichen, starteten verschiedene Schutzbemühungen, so auch am Steinhuder Meer:

Vor Ort sind wieder weitläufig potentiell geeignete Lebensräume für Europäische Nerze entstanden. Dazu gehören Bruchwälder, Sümpfe und Röhrichte. Auch wurde hier der aus Pelzfarmen geflüchtete, in Europa fremde und nicht heimische Amerikanische Mink (Neovison vison), der der heimischen Fauna oft große Probleme bereitet, nicht nachgewiesen. So startete die ÖSSM nach langen Vorbereitungen den Versuch zur Wiederansiedlung des Europäischen Nerzes. Ziel ist eine sich selbst tragende Population Europäischer Nerze am Steinhuder Meer zu etablieren. Aber auch die vielen Erkenntnisse im Rahmen der wissenschaftlichen Begleitung des Projektes sind wichtig für den Kenntnisszugewinn über die wenig bekannte Art. Mögen diese Hinweise zum Ex-situ- und In-situ-Schutz beitragen und dem Europäischen Nerz ein Überleben in der Wildnis ermöglichen.

Projektpartner sind der Verein zur Erhaltung des Europäischen Nerzes (EuroNerz e.V.) sowie die Wildtier- und Artenschutzstation ins Sachsenhagen (WASS e.V.). Vielen Dank dem Land Niedersachsen sowie der Region Hannover für die finanzielle Unterstützung.

 

 

Großes Ereignis in 2015

Im Jahr 2015 war es soweit: uns gelangen die ersten Fotos von kleinen, wieder in Freiheit gezeugten und geborenen Europäischen Nerzen in Deutschland überhaupt!

Bereits in den Vorjahren gab es Hinweise auf mögliche erfolgreiche Reproduktionen, doch es fehlte ein Nachweis. 2015 dann lief die Batterie eines Senders der in freier Wildbahn schwer zu beobachtenden Nerze außergewöhnlich lange und zeigte uns die Wurfhöhle der besenderten Fähe. Um nicht zu stören mieden wir den Bereich um die Höhle, stellten jedoch in der weitern Umgebung Fotofallen auf, mit der Hoffnung auf einen Nachweis - geschafft!: Am 02.06.2015 fotografierte eine Fotofalle die Mutterfähe beim Umtragen ihrer Jungtiere in ein anderes Versteck. Vier Mal lief sie mit einem Jungtier im Maul durch die Fotofallen.

Pressemitteilung 2015:
Sensationeller Erfolg im Wiederansiedlungsprojek: Erste Fotos von in Freiland geborenen Europäischen Nerzen am Steinhuder Meer

Ein Zwischenbericht

Aus den NerzNews 2016 (Vereinszeitschrift EuroNerz e.V.)
Eva Lüers, Thomas Brandt - ÖSSM e.V.

Vorgeschichte und Ziele 

Nach intensiven Vorausplanungen seit dem Jahr 2000 und einer Machbarkeitsstudie mit positivem Ergebnis starteten wir unter strenger Berücksichtigung der Richtlinien für Wiedereinbürgerungen der IUCN im Jahr 2010 in Kooperation mit EuroNerz e.V. und der Wildtier- und Artenschutzstation Sach-senhagen (WASS e.V.) das Projekt „Wiederansiedlung des Europäischen Nerzes (Mustela lutreola) am Steinhuder Meer“ in Zusammenarbeit mit dem Land Niedersachsen.
Träger des Projektes war die Region Hannover. Rund um den größten niedersächsischen See sind heute weitläufig nerzgeeignete Lebensräume wie urwaldartige Erlenbruchwälder, Sümpfe und große Röhrichtbestände vorhanden.
Das Ziel ist es, am Steinhuder Meer eine stabile Population Europäischer Nerze aufzubauen und den wissenschaftlichen Kenntnisstand über die Biologie des schwer zu beobachtenden Marders zu ver-bessern. Hierdurch sollen Rückschlüsse zur Verbesserung der Überlebensmöglichkeiten in seinem verbliebenen Verbreitungsgebiet ermöglicht werden sowie erlangte Hinweise in die Erhaltungszucht einfließen.

Große Bruchwaldbereiche ohne menschliche Nutzung bieten Europäischen Nerzen wieder Lebensraum am Steinhuder Meer.

Typische Nerz geeignete Lebensräume am Steinhuder Meer

Projektgebiet: Das Steinhuder Meer

Das Projektgebiet umfasst die dem niedersächsischen Mittelgebirge nördlich vorgelagerte Niederung des Steinhuder Meeres mit dem rund 28 km2 großen und durchschnittlich nur ca. 1,4 m tiefen See im Zentrum. Seine Uferlinie gilt zu 80% als naturnah und wird zu 60% als Naturschutzgebiet (NSG) ge-schützt. An die Wasserfläche schließen große zusammenhängende Erlenbruchwälder, Röhrichte und daran wiederum Feuchtwiesen (im Westen) und Hochmoore (vor allem östlich des Sees) an. Nördlich des Sees liegt die Ortschaft Mardorf, südöstlich Steinhude. Das Seeufer ist in Steinhude durch Bebau-ung über 2,5 km erheblich beeinträchtigt worden und ist weitgehend als sehr naturfern anzusehen. Da-gegen weist das Seeufer bei Mardorf trotz zahlreich vorhandener Steganlagen zu einem erheblichen Anteil naturnahe Strukturen (Erlenbruch, Röhricht) auf, die als Nerzlebensraum in Frage kommen.

Wissenschaftliche Begleituntersuchung

a) Ablesung von Mikrochips (Transponder) im Freiland

Alle Tiere des Projektes tragen zur eindeutigen Identifizierung unter der Haut einen Mikrochip (Trans-ponder). Dadurch können auch nicht sendermarkierte Individuen und solche, deren Sender ausgefallen ist (s. u.) eindeutig erkannt werden. Da es sich um ein sogenanntes passives System handelt, muss der Transponder zunächst durch das Lesegerät aktiviert werden, um seinen individuellen Nummern-Code senden zu können. Das ist nur aus nächster Nähe möglich und damit im Gelände nicht ganz einfach. Im Sommer 2013 konnte ein erstes automatisches Transponderlesegerät für den Geländeeinsatz (Assion Electronic GmbH) erstanden werden. Das Lesegerät wurde in eine Holz-Box eingebaut; dieses Modell war den angesiedelten Nerzen bereits aus den Gehegen bekannte. Auf diese Weise kann der jeweils im Nacken eingesetzte Transponder abgelesen werden, sobald transpondermarkierte Nerze ihren Nacken durch den Eingang stecken. Die Daten werden gespeichert und per Computer ausgelesen.

Durch die Transponderlesegeräte konnten bereits wertvolle individuelle Hinweise gewonnen werden. Insgesamt wurde bis zum 01.11.2015 1232 Mal ein Transponder abgelesen. Da jeweils Ein- und Ausgang des Transponders in die Antenne erfasst wird, kann man von 616 „Besuchen“ sprechen. Insgesamt wurden dreizehn verschiedene Projekttiere erfasst, fünf Tiere später als 100 Tage nach Freilassung. Von besonderer Bedeutung war die Ablesung der Fähe „Rita“. Sie wurde am 20.10.2011 als Jungtier unbesendert zusammen mit ihrem Bruder aus dem am Meerbach aufgestellten Gehege entlassen und am 10.09.2013 (5 Besuche gegen 01:42 Uhr und 2 Besuche gegen 14:43 Uhr) mit Hilfe des Transponderlesegerätes am gleichen Standort abgelesen, also fast zwei Jahre nach ihrer Freilassung.

b) Sendermarkierung und Radiotelemetrie

Insgesamt erhielten 38 der Projekttiere einen aktiven Implantatsender (MTX) der Firma Microtes Wildlife Engeneering (Arnhem, Niederlande; 2010-2014) sowie sechs von der Firma madebytheo (Nijmegen, Niederlande; 2015). Implantatsender haben im Vergleich zu häufig verwendeten Halsband- oder Rucksacksendern eine geringere Reichweite: je nach Gegebenheiten wie Geländerelief, Witterung, Vegetati-onsphase und Aufenthaltsort nur wenige bis max. 300-400 m, wobei der individuelle Code auf max. 200 m Entfernung zu empfangen ist. Dies macht die Nachverfolgung sowie das Wiederauffinden der Individuen sehr schwierig und zeitintensiv. Die Verwendung von Halsband- und Rucksacksendern ist auf Grund der Lebensweise sowie der Anatomie von Europäischen Nerzen nicht möglich GPS oder GPRS-Netze können mit Implantatsendern nicht erreicht/genutzt werden. Klassische Radiotelemetrie ist damit die einzige Möglichkeit, individuelle Daten zum (Ansiedlungs-)Verhalten der Nerze zu erhalten.

c) Fotofallen

Während der Untersuchung kamen Fotofallen (Wildkameras) unterschiedlicher Typen zum Einsatz , der Unterschied der Modelle liegt vor allem in der Auslöseverzögerung, der Anzahl der Fotos pro Auslösung, der Ruhezeit zwischen den Auslösungen, der Auslöseempfindlichkeit, der Laufzeit und der Art des Blitzes (Infrarotblitz, Weißblitz). Bei allen verwendeten Modellen wird beim Unterschreiten einer bestimmten Helligkeit (Lux) der Blitz automatisch zugeschaltet.
Im Laufe des Projektes wurden von den Fotofallen weit mehr als 100.000 Fotos ausgelesen, sortiert und ausgewertet. Auf den Fotos waren potentielle Beutetiere wie Wanderratten oder verschiedene Kleinsäugetierarten, potentielle Konkurrenten wie Baummarder oder Steinmarder sowie potentielle Prädatoren wie Rotfuchs oder Waschbär zu sehen. Nachweise von Europäischen Nerzen gelangen nicht nur in der Nähe der Auswilderungsgehege sondern auch weit entfernt von diesen im Untersu-chungsgebiet. Eine individuelle Erkennung der Nerze ist anhand der Fotos leider nicht möglich, da Fell- und Gesichtszeichnung zu geringe Unterschiede aufweisen, als dass sie erkennbar wären.

Ansiedlungsmethodik

Die wiederangesiedelten Nerze stammen zum großen Teil aus der Erhaltungszucht des Vereins Eu-roNerz e. V. und wurden in verschiedenen Tierparks und Zoologischen Gärten geboren und aufgezogen. Ein weiterer Teil wurde von der Wildtier- und Artenschutzstation Sachsenhagen (WASS e.V.) zur Verfügung gestellt, die speziell für dieses Projekt Jungtiere aufzieht.
Insgesamt wurden in den ersten sechs Projektjahren 133 Nerze (76 Rüden, 57 Fähen)  im Projektgebiet wiederangesiedelt. Bei den meisten freigelassenen Nerzen handelte es sich um Jungtiere.

Anzahl und Geschlechterverhältnis der pro Jahr angesiedelten Nerze.

Die Zahl der jährlich ausgewilderten Europäischen Nerze, deren Geschlechterverhältnis und Alter unterlag bestimmten Sachzwängen, wie z. B. dem in den Jahren unterschiedlichen Zuchterfolg der Erhal-tungszuchtpopulation, die durch das zur Verfügung stellen von Gründertieren für die Wiederansiedlung nicht gefährdet werden darf.
Im ersten Projektjahr 2010 wurden drei tragende Fähen zusammen mit ihren Partnern (adulte Nerze) ausgewildert. 2011 folgten Mutter-Kind-Verbände mit annähernd selbständigen, im Eingewöhnungsgehege im Freiland geborenen Jungtieren. In 2012 wurden Jungtier-Geschwistergruppen angesiedelt, teils ebenfalls in Eingewöhnungsgehegen geboren und aufgezogen.  Zusätzlich wurden 2010, 2011 und 2013 adulte Einzelrüden freigelassen. In 2014 und 2015 wurden ausgewachsene, bereits selbständige Jungrüden und –fähen einzeln oder in Geschwistergruppen angesiedelt.
Die Ansiedlungstiere wurden vor Freilassung mindestens eine Woche lang in Eingewöhnungsgehen gehalten, die in geeigneten Lebensräumen im Projektgebiet aufgestellt waren. Die Fütterung erfolgte mit standorttypischen Nahrungstieren. Nach der Eingewöhnungsphase wurden die Nerze zum Teil direkt aus diesen Eingewöhnungsgehegen („soft release“) oder an anderen geeigneten Stellen im Gebiet aus einer Transportbox („hard release“) entlassen. Beide Methoden erwiesen sich im Vergleich als ähnlich erfolgreich; Vorteil der Kombination aus „soft release“ und „hard release“ ist es, dass auf diese Weise eine breitete Verteilung der Gründertiere im Projektgebiet erreicht werden kann.
Der Einsatz von naturnahen Gehegen zur Eingewöhnung vor Ansiedlung soll die Überlebensrate der Tiere und den Erfolg von Wiederansiedlungen begünstigen, wie wissenschaftliche Studien in der Literatur belegen.

Mutterfähe "Martha" auf dem Weg in die Freiheit; Bei einer direkten Ansiedlung der Europäischen Nerze aus dem Gehege wurde nach Öffnung der Ansiedlungsklappe ein dicker Ast im entstandenen Durchgang arretiert und die Klappe mit Kabelbindern fixiert, sodass den Nerzen ein Zurückkehren ins Gehege ermöglicht ist, größere Prädatoren wie beispielsweise Rotfüchse jedoch nicht folgen können.

Ansiedlung des Nerzrüden "Ernst" aus einer Transportbox.

Verhalten und Lebensraumnutzung der Europäischen Nerze nach Ansiedlung

Von den zwischen 2010-2014 ausgewilderten und mit MTX-Sendern markierten Europäischen Nerzen wurden mit Hilfe der Radiotelemetrie Informationen zum Ansiedlungsverhalten und zur Lebensraumnut-zung gewonnen. Zwölf der Tiere ließen sich über 100 Tage telemetrisch im Projektgebiet nachweisen. Über 5.000 Ortungspunkte zusammen mit Sichtbeobachtungen und Fotofallennachweisen geben ein klares Bild über die von den Tieren genutzten Räume. Aus den Daten lassen sich Rückschlüsse auch auf die Lebensraumnutzung ziehen. Es wird deutlich, dass die ausgewilderten Nerze geeignete Lebens-raumstrukturen im gesamten Raum nutzen. Eine hohe Affinität zu offenen Wasserflächen (Seeufer, Gräben, Bäche, Stillgewässer) ist dabei sehr auffällig. Deutlich wird zudem, dass so gut wie ausschließ-lich stark dreidimensional strukturierte Lebensräume mit vielen Deckungs- und Versteckmöglichkeiten genutzt werden, was für eine kleine semiaquatisch lebende und selbst stark durch Beutegreifer gefähr-dete Tierart auch zu erwarten ist. Die beobachteten Tiere wurden vor allem im Bruchwald, Röhricht, Weidendickicht und in verschiedenen Saumstrukturen (z.B. Gebüsch bestandene Grabenufer) nachge-wiesen. Einige Individuen wechselten mehrmals ihre Aufenthaltsbereiche.
Mit Hilfe der Telemetrie wurde zudem das Ansiedlungsverhalten der aus der Erhaltungszucht stam-menden Europäischen Nerze beobachtet, um ggf. korrigierend eingreifen zu können. Das Verhalten nach Ansiedlung war wie zu erwarten individuell unterschiedlich geprägt, wies aber auch viele Gemein-samkeiten auf. Einige der Tiere bildeten meist nach einer „Erkundungsphase“ schnell ein Revier, andere waren deutlich mobiler und wanderfreudiger. Auch eine (halbe) Umrundung des Sees ist möglich: ein am Westufer des Sees entlassener Rüde bildete beispielsweise am Ostufer sein Revier. Dies zeigt, dass die für Europäische Nerze geeigneten Lebensräume um das Steinhuder Meer gut miteinander vernetzt sind. Die erlangten Telemetrieergebnisse zeigen, dass die angesiedelten Europäischen Nerze gut am Steinhuder Meer zurechtkommen (s.u.).

Beispielhafte Raumnutzung am Westufer des Steinhuder Meeres von Fähe "Betti" (Dreiecke, Beobachtungszeitraum 02.05.2010 - 16.03.2011) und Rüde "Quentin" (Kreise, Beobachtungszeitraum 24.10.2011 - 07.03.2012).

Bewegungsmuster der Fähe "Sissi", die über 378 Tage nach ihrer Ansiedlung beobachtet werden konnte.

Ein Meilenstein: Reproduktionsnachweis im Projektgebiet

Nachdem es bereits früher einige Hinweise auf eine erfolgreiche Reproduktion im Freiland gab, gelang im Frühjahr 2015 der gesicherte Nachweis.
Durch einen ungewöhnlich lange aktiven Sender konnte mit Hilfe der Radiotelemetrie die Wurfhöhle der Fähe „Sissi“ entdeckt werden. Am 04.05.2015 war ein Piepsen aus der Höhle zu hören; daraufhin wurde die Umgebung nicht mehr betreten, um kein Risiko einer Störung einzugehen.
In der weiteren Umgebung wurden jedoch zehn Fotofallen aufgestellt – mit Erfolg: Am 02.06.2015 transportierte die Fähe vier Jungtiere nacheinander zu einem neuen Bau um und wurde dabei von einer der Wildkameras erfasst. Am 12.06.2015 wurde die Fähe mit ihren vier etwa sechs Wochen alten Jung-tieren beobachtet. Eine weitere Fotofalle erfasste im Juli zwei Jungtiere, zu einer Zeit in der die Jungen bereits selbständig sind.
Durch ein im Aktionsraum der Mutterfähe aufgestelltes Transponderlesegerät wurde das Männchen „Oskar“ regelmäßig nachgewiesen. Da sich die Reviere der Rüden untereinander in der Regel nicht überschneiden und auch kein anderer Nerz mit dem Transponderlesegerät festgestellt wurde, vermuteten wir, dass "Oskar" höchstwahrscheinlich der Vater des Nachwuchses ist.

Mutterfähe "Sissi" schaut aus der späteren Wurfhöhle, die mit Hilfe ihres außergewöhnlich lange aktiven Senders geortet werden konnte.

Der lange erhoffte Reproduktionsnachweis: Eine Wildkamera erfasst die Mutterfähe "Sissi", während sie ihre Jungtiere zu einem neuen Bau trägt.

Vier Jungtiere wurden am 12.06.2015 zusammen mit der Mutterfähe in einem abgelegten Betonrohr beobachtet.

Wiederansiedlung als Kooperation vieler Beteiligter

Für das Projekt konnten neben den direkt am Projekt beteiligten Partnern - EuroNerz e.V., Wildtier- und Artenschutzstation Sachsenhagen (WASS e.V.) und Dr. H. Weber vom Tierpark Nordhorn - unter-schiedliche universitäre Kooperationspartner gewonnen werden.
Im Rahmen des Projektes wurden vier universitäre Abschlussarbeiten betreut. Unser Dank gilt Frau Prof. Dr. J. Mantilla Contreras, Universität Hildesheim, Herrn Dr. O.-D. Finch, Universität Oldenburg, em. Prof. Dr. R. Schröpfer, Universität Osnabrück, Prof. Dr. H. Zucchi, Hochschule Osnabrück, Univer-sität Wien (BOKU), Institut für Wildbiologie und Jagdwirtschaft.
Außerdem bedanken wir uns bei den Nerz-/Säugetierexperten Dr. V. Sidorovich (Minsk, Weißrussland) für seine Hinweise bezüglich Trittsiegelanalyse und im Besonderen bei Dr. T. Maran (Tallinn, Estland) sowie M. Põdra und A. Gómez (La Rioja, Spanien), für die konstruktive Zusammenarbeit und den regen Gedankenaustausch.

Fazit und Projektbewertung

Eignung der im Projekt als Gründertiere eingesetzten Nerze

Die für die Auswilderung zur Verfügung stehenden, aus der Erhaltungszucht stammenden Europäischen Nerze sind als Gründertiere für die Wiederansiedlung am Steinhuder Meer zweifelsfrei geeignet, wie die Überlebensraten und das Ansiedlungsverhalten zeigen. Die Tiere kommen im Gebiet sehr gut zurecht und überstehen nachweislich auch harte Winter.
Sichtbeobachten von unter dem Eis jagenden Nerzen machen deutlich, dass die Tiere auch in kalten Wintern Nahrungsressourcen wie Kleinfische, Amphibien (v. a. Teichfrösche und Krebse) effektiv erschließen können.
Auch die verfügbaren Lebensräume mit ihrer Ausstattung in Form von Versteckplätzen, Nahrungsangebot etc. sind für Nerze qualitativ sehr geeignet. Hierauf weisen die offenkundige Selbständigkeit der Tiere (nach der Ansiedlung angebotenes Futter wird z. B. sehr schnell unregelmäßig bis gar nicht genutzt), die Etablierung von Aktionsräumen, der mehrfach belegte, langfristige Verbleib der Nerze im Projektgebiet und die erfolgreiche Reproduktion hin.

Fortpflanzung der Tiere im Projektgebiet

Eine Reproduktion im Freiland ist seit 2011 möglich. Eine 2010 trächtig in Freiheit entlassene Fähe („Betti“) zog zuvor wahrscheinlich ebenfalls – wie aus ihrer Raumnutzung zu schließen war – erfolgreich ihre Jungtiere auf.
Die hohe Überlebensrate und der Nachweis einer Fähe zwei Jahre nach Freilassung lassen Reproduk-tionen in den Folgejahren stark vermuten.
2015 gelangen schließlich die ersten Aufnahmen von in Freiheit gezeugten und geborenen vier Jungtie-ren. Fotofallenaufnahmen zeigten weiter, dass mindestens zwei Jungtiere die Selbständigkeit erreichten.
Es ist zu berücksichtigen, dass Freilandreproduktionen dann stattfinden, wenn die Telemetriesender ihre Lebensdauer überschritten haben. Hier sind technische Grenzen gesetzt, die durch verstärkte Transponderablesungen in Zukunft kompensiert werden sollen. Es ist davon auszugehen, dass sich die Nerze im Gebiet an verschiedene Stellen und jährlich reproduzieren.

Lebensraumverfügbarkeit

In den nächsten Jahren werden zunehmend sich in Abtorfung befindende Flächen aus der Nutzung herausgenommen und sukzessive renaturiert. Es entstehen dort neue Wasserflächen und Versteck-möglichkeiten (Wurzelstubbenhaufen). Insofern sind deutlich positive Änderungen hinsichtlich der Flä-chenverfügbarkeit zu erwarten.

Prädatoren

Die Europäischen Nerze werden nach Freilassung erstmals mit Prädatoren konfrontiert und zweifellos sind z. B. Rotfüchse ernstzunehmende und häufige Prädatoren. In einem Fall konnte Feindvermeidungsverhalten und Warnen gegenüber einem Fischotter direkt nach Freilassung beobachtet werden. Die 2015 erfolgreich reproduzierende Fähe Sissi nutzte ein Revier, in dem regelmäßig Füchse von Fo-tofallen aufgenommen wurden. Eine Koexistenz zwischen Nerzen und Prädatoren ist sicherlich Abhän-gig von dem Verhalten der Nerze, der Anzahl von Versteck- und Fluchtmöglichkeiten und ggf. der Nah-rungstierpräsenz, die im Idealfall lange Jagdwege unnötig macht.
Fachkollegen aus Spanien und Estland waren bei einer Inaugenscheinnahme des Ansiedlungsgebietes von der Nahrungsverfügbarkeit, nicht zuletzt bedingt durch die Anlage zahlreicher Kleingewässer, und der Reichhaltigkeit an Versteckmöglichkeiten als Schutz bzw. Rückzugsmöglichkeiten vor Prädatoren positiv überrascht.

 

 

Morgenstimmung am Steinhuder Meer - und zugleich Nerz-Lebensraum: Das Seeufer im Bereich des Hagenburger Moores mit Blick auf die Insel Wilhelmstein.